Neue technologische Revolutionen: Wachstumspotenziale und Kooperationsmöglichkeiten mit Russland

Neue technologische Revolutionen: Wachstumspotenziale und Kooperationsmöglichkeiten mit Russland

Nach dem Überblick über digitale Trends am Montag wurden am Dienstagvormittag vor allem die Themen Datensicherheit und die Zukunft der Arbeit diskutiert. Gesprächspartner waren Dr. Olaf Schulz, Head of Government Relations Europe and Middle East Africa von Nokia Solutions and Network, sowie Viktor Poljakow, Geschäftsführer von Tibbo Systems.
Beide Praktiker betonten, dass angesichts der rasant wachsenden Möglichkeiten der Datennutzung und damit auch des Datenmissbrauchs „Vertrauen“ für Unternehmen zu einer entscheidenden Ressource für den Geschäftserfolg werden wird. „Jedes Gerät wird sprechen“, sagte Olaf Schulz. „Wenn man Daten in Umlauf bringt, ist das ein wenig, wie sich selber zu verletzen. Vertrauen ist entscheidend.“ In Zukunft gehe es deshalb darum, das eigene Network zu kontrollieren. „Unsere Antwort ist, dass wir so transparent arbeiten wie möglich.“ Nokia denke bereits bei der Produktgestaltung stark an das Thema Produktsicherheit. „Der Kunde muss nachvollziehen können, was wir machen“, so Schulz weiter.

Vor welchen Herausforderungen der Datenschutz steht, beschrieb Viktor Poljakow. Alle Nutzer digitaler Dienste kreierten zusammen einen riesigen „Daten-Ozean“, der sich unaufhörlich weiter fülle, aber kaum wieder leeren lasse. Dieser Daten-Ozean werde nun zunehmend von digitalen Systemen ausgewertet, die selbst wiederum besser miteinander kommunizierten, als dies Menschen könnten. In der Smart City der Zukunft sei alles miteinander verbunden: Straßenlampen, Transportsysteme, Gebäude. Daher sei bereits die Vorstellung, durch eine Stadt zu laufen und von digitalen Diensten erkannt und begleitet zu werden, sehr real. Poljakow erzählte in diesem Zusammenhang, wie er Anhand gescannter Jugendfotos aus den frühen 1990er Jahren die abgebildeten Personen problemlos im Internet des Jahres 2017 wieder aufspüren konnte. Viele der Personen seien bei der Kontaktaufnahme schockiert gewesen, welche digitalen Spuren sie bereits hinterlassen hätten. „Straßenkameras werden Dich sehen und wissen, dass Du es bist. Das ist der nächste Schritt“, sagte der Mitgründer von Tibbo Systems, einem russischen Anbieter von Hard- und Software-Lösungen für das Internet der Dinge.

Ähnlich visionär beschrieb Poljakow die neuen digitalen Möglichkeiten der Gesundheitswirtschaft. „Biotech“ sei vermutlich die nächste, große Revolution. Die Ära der Ärzte in weißen Kitteln gehe bald zu Ende. In der Zukunft könnten alle Körperteile wie Autoersatzteile in Katalogen bestellt werden. Bereits heute habe sein Unternehmen einen Partner in den USA, mit dessen „Ersatzteilangebot“ sich ein ganzer „Terminator“ zusammenbauen lasse. Mit Hilfe von Biotech werde es auch möglich sein, Behinderungen zu überbrücken, etwa indem ein Blinder künstliche Augen in Form von Kameras erhalte, die direkt mit dem Gehirn verbunden werden könnten. „Künstliche Augen, künstliche Ohren und vieles mehr: Mit Hilfe dieser Revolution werden Mensch und Elektronik immer mehr zusammenwachsen.“ Letztlich werde die fortschreitende Technik viele Tätigkeiten ersetzen können, die heute noch von Menschen erledigt würden. Poljakow sieht darin eher Chancen: „Es gibt ein Buch von Lem über ein Raumschiff, in dem alles die Maschinen machen. Die Menschen haben Zeit für Spaß oder für etwas Kreatives.“

Ist es überhaupt erstrebenswert, dass alle arbeiten? Über diese Frage wurde anschließend ausführlich diskutiert. Dabei ging es auch darum, wie das Bildungssystem so weiterentwickelt werden kann, dass Arbeitskräfte für die anstehenden neuen Berufsprofile ausgebildet werden. Zwar werde die Transformation der Wirtschaft nicht von heute auf morgen geschehen. „Wenn man aber diese Veränderung gestalten möchte, dann muss man jetzt die Weichen stellen“, forderte Schulz. „Von den heutigen Jobs werden viele wegfallen. Es wird mehr wissensbasierte Jobs geben und viel mehr Jobs, die wir heute noch gar nicht kennen. Als Regierung sollte man zumindest versuchen, diesen Prozess zu gestalten.“ Vor allem eine wachsende Ungleichverteilung von Wohlstand könne zum Risiko werden. Deshalb müsse die EU initiativ werden und Umschulung den gleichen Stellenwert geben, wie der akademischen Grundausbildung. Negativ seien hingegen versuche von Regierungen, protektionistische Schranken zu errichten. Scholz nannte hier die geplanten US-Sanktionen gegen Russland im IT-Bereich und Vorschriften in Russland, mehr lokale Produktion im IT-Sektor einzusetzen. „Viele Komponenten können gar nicht von russischen Anbietern angeboten werden“, so Schulz.