Thema: Mittelstand

Voneinander lernen – so lautete ein Ziel der Deutsch-Russischen Gespräche. Von einem solchen Erfahrungsaustausch können vor allem die Mittelständler in Deutschland und Russland profitieren. Denn sie bilden den Kern der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen und haben im jeweils anderen Land mehr Herausforderungen zu bewältigen als große Unternehmen.

Um diesen Erfahrungsaustausch fruchtbar zu gestalten, ist es wichtig, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Mittelstands in Russland und Deutschland zu berücksichtigen. Harald Schedl, Managing Partner und Shareholder der Management- und Unternehmensberatung Simon-Kucher und Partners, unterstrich anhand einer Studie zwei wesentliche Unterschiede: Im Gegensatz zu Deutschland seien die mittelständischen Unternehmen in Russland noch sehr jung und würden meist nicht von Unternehmerfamilien geführt. Aufgrund ihrer langen Marktpräsenz und Spezialisierung sei es vielen deutschen, mittelständischen Unternehmen gelungen, sich als „Hidden Champions“ zu etablieren. Unter diesem Begriff werden kleine und mittelständische Unternehmen verstanden, die in ihrer Marktsektion führend, aber einer breiten Öffentlichkeit wenig bekannt sind.

Als Beispiel eines solchen deutschen Familienunternehmens mit „Hidden-Champion“-Charakter präsentierte Karl Schlecht, Aufsichtsratsvorsitzender und Firmengründer, die Putzmeister Holding GmbH. Hier zeige sich: Innovationen, Erfinder- und Unternehmergeist sind gefragt. In jungen Jahren hatte Karl Schlecht die erste eigene Putzmaschine als Diplomarbeit in einer Garage konstruiert. Seitdem hat sich das Geschäft des „Selfmademan“ zu einem weltweit agierenden Unternehmen entwickelt. Doch trotz der Globalisierung bleibe seine Firma in den Grundwerten ein Familienbetrieb: „Wir sind kein Unternehmen, sondern eine Wertegemeinschaft“, erklärte er.

Dass sich eine solche Haltung über Generationen hinweg bewährt, bewies Wendelin von Boch, Mitglied des Aufsichtsrats der Villeroy & Boch AG. Obwohl es sich mittlerweile um ein Großunternehmen handelt, wird bei Villeroy & Boch auch in den Beziehungen zu Russland mittelständisch gedacht und agiert. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist Villeroy & Boch der wichtigste Lieferant keramischer Bodenfliesen in Russland. Diese Fliesen werden sogar nach dem Heimatort Wendelin von Bochs, Mettlach, „Mettlachskaja Plitka“ genannt.

Die Hindernisse für kleine und mittlere Unternehmen in Russland seien nicht leicht zu überwinden. Die Planwirtschaft habe über Jahrzehnte hinweg Eigeninitiative und Unternehmertum unterdrückt, erklärte Sergei Borisov, Präsident des russischen Verbandes für kleine und mittlere Unternehmen in Russland (OPORA). Der Anteil der kleinen und mittelständischen Unternehmen am BIP liegt in Deutschland bei 60 Prozent, in Russland bei 17 Prozent. „Mit der Mittelstandförderung lösen wir ein Problem in Russland“, zeigte sich Borisov überzeugt.

Seit Beginn dieses Jahres wird von der russischen Regierung eine neue Mittelstandspolitik gefördert. Dazu gehören auch die Bekämpfung der Korruption, neue Finanzierungsmöglichkeiten und die Reform der Verwaltung. Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen Unternehmen bezeichnete Borisov als vielversprechendes Konzept: „Wir brauchen eine engere Verflechtung des Mittelstands zwischen unseren Ländern.“