Digitalisierung der Wirtschaft

Digitalisierung als Antreiber für wirtschaftlichen und sozialen Wandel: Chance und Konfliktpotential?

Den zweiten Seminarteil des Tages gestalteten Jane Zavalishina, CEO Yandex Data Factory, und Mathias Elsässer, Director Digital von PwC. Zavalishina beschrieb in Ihrem Eingangsstatement die großen Chancen, die sich durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence – AI) für Industrieprozesse ergeben. Der Einsatz von Maschinen und Algorithmen könne schon innerhalb kurzer Zeit zu einer um fünf bis zehn Prozent effizienteren Produktion und langfristig sogar zu einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 30 Prozent beitragen, bei gleichzeitiger Einsparung von Energie, Abgasen und Ressourcen. Dies seien für Industrieprozesse unglaublich hohe Werte.
Die Referentin Zavalishina unterstrich dies mit Beispielen aus dem Rohstoffsektor: So müsse gefördertes Gold unter Einsatz von Cyaniden und anderen Chemikalien aufbereitet werden. Künstliche Intelligenz, die die Zusammensetzung des Rohmaterials analysiere und den entsprechenden Ressourceneinsatz steuere, könne hier zu besseren Ergebnissen, bei geringeren Kosten und geringerem Giftmüll beitragen. Ähnliches gelte für die Gasindustrie: Auch hier könne mit intelligenten Analyseverfahren in der Aufbereitung von Erdgas viel Energie, Wasser und damit Geld gespart werden. Elsässer ergänzte diese Ausführungen mit einem Beispiel aus der Bauindustrie: So könnten verbaute Computerchips den Trocknungsprozess von Estrich überwachen und so zu verkürzten Bauzeiten beitragen.

Elsässer beschrieb in seinem Statement die Ursachen für den sich vollziehenden Wandel in der Wirtschaft: Grundlage für die digitale Revolution sei der dramatische Preisverfall bei Speicherchips. Habe in den 1960er Jahren ein Terrabyte noch Milliarden von Dollar gekostet, sei dieses zuletzt für 25 Dollar erhältlich gewesen. Elsässer prognostizierte für die nahe Zukunft neben den bereits beschriebenen neuen Möglichkeiten durch künstliche Intelligenz sechs weitere Megatrends:

1. Augmented Reality/ Virtual Reality

Dahinter verberge sich die Verschmelzung von wirklicher und virtueller Welt, mit Hilfe von Smartphone, interaktiver Brille oder einfach der Stimme. Auf Brillen könnten in Geschäften im Vorbeilaufen zusätzliche Produktinformationen eingeblendet werden, mit Hilfe des Smartphones könnten Personen geortet, von Verkäufern direkt persönlich angesprochen und zum gewünschten Produkt geführt werden. Und Computer könnten – siehe Alexa von Amazon – auf gesprochene Wünsche reagieren und Informationen bereitstellen.

2. Robotics

Bereits heute würden in Japan Begrüßungsroboter eingesetzt, um per Gesichtserkennung Personen persönlich und in der jeweils erforderlichen Sprache anzusprechen und mit den richtigen Produkten zu versorgen. Sie agierten damit effizienter als jeder Mensch. Chat-Roboter erledigten bereits heute in Call-Centern Standardaufgaben. Für Aufsehen in den sozialen Netzwerken sorgten zudem so genannte Chat-Bots, die tausendfach eine bestimmte Meinungen verbreiteten und damit eine Armee von Usern simulierten.

3. Drohnen

Diese könnten beispielsweise in Warenlagern in hoher Geschwindigkeit und wesentlich effizienter als Menschen die benötigten Produkte transportieren. Gleiches gelte für den Postversand. Drohnen spielten aber auch in ihrer militärischen Anwendungen als Waffe, die weit hinter feindliche Linien fliegen kann, eine zunehmende Rolle.

4. Internet of Things

Die oben genannten technologischen Trends könnten durch ihre Verkettung durch das Internet der Dinge (IoT) viele weitere Anwendungsmöglichkeiten generieren. Ein Ergebnis wären etwa durch künstliche Intelligenz gesteuerte Drohnen. Oder implantierte Chips, die Gesundheitsdaten an Analyse-Roboter weitergeben, die dann per Internet die notwendige Medizin in der Apotheke ordern, die dann wiederum per Drohne zugestellt wird. Die Sammlung und Auswertung von Daten stehe erst am Anfang, so Elsässer, und werde in wenigen Jahren um den Faktor 100 bis 1000 wachsen. Aufgabe der Politik sei es, den Schutz der Daten in den Griff zu bekommen, um Missbrauchsmöglichkeiten einzuschränken.

5. 3-D-Printing

Dieser Trend, der fast schon wieder in Vergessenheit geraten sei, werde in Kürze umso stärker zurückkommen, so Elsässer. In Zukunft würden Verbraucher nicht mehr das fertige Produkt im Laden, sondern das Nutzungsrecht an Bauplänen im Internet erwerben, mit denen der gewünschte Gegenstand dann direkt zu Hause ausgedruckt werden könne. 3-D-Printing werde Wertschöpfungsketten auf den Kopf stellen bzw. überflüssig machen. Bereits heute kämen ganze Häuser aus 3-D-Druckern. Auch bei dieser Technik sei aber die Gefahr des Missbrauchs groß, etwa wenn sich Baupläne von Waffen verbreiteten, die dann per 3-D-Print hergestellt werden könnten.

6. Blockchain

Die Möglichkeiten des Megatrends Blockchain skizzierte Elsässer am Beispiel der Werbung: Blockchain-Browser könnten bald die Werbewelt revolutionieren, indem Anzeigen entlang des Surfverhaltens von Nutzern passgenau ausgewählt und eingeblendet würden. In Bruchteilen von Sekunden könnten Computer Werbeplätze definieren, diese an den Meistbietenden (Computer) versteigern und dann das gewünschte Banner hochladen. Der Kunde erhalte gleichzeitig genaue Informationen darüber, welche Person wann Werbung gesehen hat. Bei Lebensmitteln könnte mittels Blockchain transparent nachgewiesen werden, welches Steak von welcher Kuh auf wessen Teller landet.

Elsässer schloss seinen Vortrag mit der Aussage, dass es angesichts der gewaltigen Möglichkeiten durch die Verknüpfung und Verarbeitung von Milliarden Daten dringend geboten sei, Computern bei deren Anwendung „eine Art Gewissen“, einen „Wertesatz“ einzuprogrammieren, der beim autonomen Fällen von Entscheidungen mitberücksichtigt werde. Hier gebe es bereits erste Ansätze. So habe das selbstfahrende Google-Auto, das vor einigen Wochen einen Unfall mit einem Bus verursacht hatte, einen Algorithmus genutzt, der aus bestehenden Optionen das kleinere Übel auswählt. Man habe nach dem Unfall tatsächlich festgestellt, dass alle anderen Verhaltensoptionen, die das Auto in der betreffenden Situation hatte, noch schlechter gewesen wären.

Jane Zavalishina betonte in der anschließenden Diskussion, dass es einen großen Bereich gebe, in dem künstliche Intelligenz zu besseren Entscheidungen kommen könne als Menschen. Dennoch bliebe es dem Menschen weiterhin überlassen, die strategischen Entscheidungen zu treffen. „AI hat keine Erklärung, warum Entscheidungen gemacht wurden.“ Dies bliebe Aufgabe des Menschen. Das Thema künstliche Intelligenz sei im Übrigen ein Trend, bei dem Russland im Weltmaßstab ganz vorne mitspielen könne, da die nötigen Investitionen nicht so groß seien. „Da haben wir keinen technischen Rückstand zum Rest der Welt“, so Zavalishina. Ihr Unternehmen Yandex sei älter als Google und habe bereits Kunden in Südamerika, Großbritannien oder Indien.

Gefragt nach einer passenden Strategie für Unternehmen betonten sowohl Zavalishina als auch Elsässer, dass es noch nicht zu spät für Investitionen in die genannten Bereiche sei. Auch wenn die Technik von anderen entwickelt worden sei, werde letztlich das große Geschäft von denjenigen gemacht, die aus der Technik passende Anwendungen generieren würden.

Großen Raum nahm in der Diskussion die Frage ein, was die genannten Trends für den Arbeitsmarkt der Zukunft bedeuten könnten. Einer aktuellen Studie zufolge, werden 47 Prozent der heutigen Jobs in einigen Jahren in dieser Form nicht mehr existieren. Hier waren die beiden Referenten aber zuversichtlich, dass es sich um einen evolutionären Prozess der Veränderung handele und die freigesetzten Arbeitskräfte in anderen Bereichen eingesetzt werden könnten. „Bislang hat jede Revolution mehr Jobs geschaffen, als beseitigt“, so Zavalishina. Am meisten gefährdet seien Jobs im Telemarketing oder reine Rechercheaufgaben, am sichersten die Jobs von Physiotherapeuten, Sozialarbeitern und Einsatzkräften in der Katastrophenhilfe.

Eher kritisch wurde der Umgang der Politik mit den Technologietrends bewertet: „Lange Zeit wurde das verschlafen. Die Frage ist, wie schnell das weiter geht und inwieweit eine Regierung in der Lage ist, da auch noch zu steuern“, sagte Elsässer. Größtes Problem bei AI sei die Nutzung persönlicher Daten, etwa bei Bankkrediten oder im Gesundheitsbereich. „Die anderen Daten, anonyme Produktionsdaten oder Materialdaten, halte ich hingegen für unbedenklich“, so Elsässer.