Wirtschaftskrise und deren Überwindung

Wirtschaftssanktionen: Wen treffen diese am meisten, wie wirken diese?

Unter dem Thema Wirtschaftssanktionen: Wen treffen diese am meisten, wie wirken diese? Diskutierten Manfred Grundke, Geschäftsführender Gesellschafter der Knauf Gips KG und Wladimir Matwejew, Leiter der Repräsentanz der Sberbank Russland in Deutschland.

Grundke gab zunächst einen Überblick über die derzeitige wirtschaftliche Lage in Russland, vor allem auch in der Bau- und Immobilienbranche. Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage gehe derzeit der Bedarf an Baumaterialien enorm zurück, da die Investitionstätigkeit in Russland aufgrund der sanktionsbedingten Finanzierungsschwierigkeiten stark rückläufig sei. Grundke sah jedoch den Abschwung in Russland vor allem in der versäumten Modernisierung der russischen Industrie begründet. „Investitionen in Shopping Malls haben nichts mit einer Modernisierung der Industrie zu tun“, so Grundke. In Bezug auf die Strategie der Importsubstitution werde Knauf die Importe, die derzeit noch aus Deutschland kommen, ersetzen, was man vor allem durch Investitionen in russische Betriebe erreichen wolle. Es werden daher in Russland zunehmend kleinere Unternehmen entstehen, prognostizierte Grundke.

Matwejew gab einen kurzen Überblick über die Folgen der Sanktionen bzw. der generellen Krise in Russland. Nach seinen Worten haben die Banken alle gleich gelitten, da der Zugang zum Kapitalmarkt für alle schwierig geworden sei. Jedoch fallen die Entscheidungen zur Investitionstätigkeit bei den Unternehmen sehr unterschiedlich aus: Ford habe mit 150 Millionen Dollar die Investitionen erhöht, während sich General Motors ganz aus Russland zurückgezogen habe. Gazprom erhöhte mit 4 Milliarden Dollar seine Investitionen, Danone dagegen habe drei Fabriken und Carlsberg habe zwei Fabriken geschlossen.

Die Diskussion gab letztlich ein recht disparates Bild zur derzeitigen Lage russischer und ausländischer Unternehmen in Russland.

Wirtschaftskrise in Russland: Analyse und Strategien zur Überwindung

Eine Analyse über die Wirtschaftskrise gab Ralf Orlik, Länderbeauftragter für Russland, Ukraine, Moldau und Belarus der KfW Bank. Der fallende Ölpreis, die seit über einem Jahr andauernden Sanktionen und die fehlenden Strukturreformen setzten die russische Wirtschaft stark unter Druck. Die russische Wirtschaft hat bislang versäumt, ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell zu schaffen, das Rechtssicherheit und marktwirtschaftliche, wettbewerbstreibende Regeln braucht.

Die Krise sei aber, so Orlik, die beste Chance für Reformen. Gerade die Sanktionspolitik habe zahlreiche Anstöße dazu gegeben. Das sei ähnlich wie beim Umweltschutz: In Europa kamen viele Innovationen hieraus, da äußere Umstände – in diesem Fall Regularien – die Unternehmen zwingen, in neue Technologien zu investieren. Ein solcher Effekt wäre letztlich auch ausgesprochen förderlich für die russische Wirtschaft.
Die von Russland forcierte Intensivierung der Beziehungen zu China sei letztlich eine einseitige Partnerschaft. China wolle in Russland verkaufen, statt zu investieren.
Viktor Spasskiy verwies in der Diskussion auf die Erfolge in den Ländern der Eurasischen Wirtschaftsunion, auf die Vervielfachung des BIP insbesondere Russlands und Kasachstans seit 1990. Das seien gute Voraussetzungen für Reformen.

Orlik äußerte allerdings Skepsis, ob die Eurasische Wirtschaftsunion für Reformen stehe, da sie staatlich gelenkt werde. Nur wenn Unternehmer die Treiber seien, sei das positiv.

Herausforderungen russischer Unternehmen bei Investitionen in Deutschland bzw. deutscher Unternehmen bei Investitionen in Russland

Über Herausforderungen russischer Unternehmen bei Investitionen in Deutschland bzw. deutscher Unternehmen bei Investitionen in Russland diskutierten Gerhard Pfeifer, Präsident und CEO von Robert Bosch Russland/GUS sowie Iurii Stetsenko, Leiter des Handels- und Wirtschaftsbüros an der Botschaft der Russischen Föderation.
Pfeifer führte aus, dass Bosch seine letzte Investition bereits 2009 angestoßen hatte, was sich dann unerwartet zu einer antizyklischen Investition entwickelte. Antizyklisches Investieren empfehle sich aber nur, wenn es eine Zusatzinvestition sei. Wenn das Unternehmen wesentlich vom Erfolg dieser Investition abhängt, sollte man jetzt eher nicht in Russland investieren.

Bosch hat trotz der Krise an seinen Investitionsplänen festgehalten. Investitionen bräuchten in erster Linie Vertrauen, eine Perspektive hinsichtlich Marktgröße und Wachstum, finanzielle Unabhängigkeit und politische Unterstützung. Dies war in Russland gegeben. Das Vertrauen in die deutsch-russischen Beziehungen habe zwar sehr gelitten, aber zum Glück noch nicht das Vertrauen in die deutschen Unternehmen.
Pfeifer zählte Risiken und Vorteile in Russland auf: Es gab zuletzt kurzfristig anberaumte Gesetzesänderungen, wie das Mediengesetz und das Personendatengesetz. Auch geht es bei den WTO-Regeln noch holprig zu. Hinzu komme die fragliche finanzielle Unabhängigkeit der russischen Unternehmen wegen des erschwerten Zugangs zu Krediten. Positiv seien hingegen der Wettbewerb der Regionen und die gute politische Unterstützung für Investoren hier.
Importsubstitution sei laut Pfeifer Fluch und Segen. Bosch profitiere durchaus davon, denn „buy national“ habe zu Wachstum und Absatzanstieg geführt.

Stetsenko verwies in seinen Ausführungen auf einen Abwärtstrend im Tourismus („Visit Russia“): Deutschland sei hier auf Platz 2 abgerutscht hinter China.
Es gäbe aber immer wieder Signale von Russland, sich in der Zusammenarbeit auf konkrete Projekte zu konzentrieren. Ein aktuelles Beispiel sei hier „Sila Sibiri“, die Vergabe eines Auftrags an die Firma Linde. Dies sei ein Symbolprojekt für die Kooperation zwischen Deutschland und Russland. „Die Beziehungen“ – so Stetsenko – „entwickeln sich trotzdem weiter, so muss es auch sein.“
Zu den russischen Gegensanktionen und der Diskussion, ob und wann Russland sie aufheben werde, sagte Stetsenko ganz klar: „Sie sind begrenzt auf die Wirkungsdauer der Sanktionen. Ende der Sanktionen bedeute Aufhebung des Einfuhrstops Russlands. Wir halten immer Wort“.