Gesellschaft, Presse und Soziale Medien

Berichterstattung in den Medien: Krieg der Worte und der (Des-)Information

Zur Berichterstattung in den Medien unter dem Thema „Krieg der Worte und der (Des-)Information“ diskutierten am vorletzten Tag der Tagungswoche Katja Gloger, Korrespondentin des Stern und Dmitri Tultschinski, ehemaliger Büroleiter von RIA Novosti in Berlin.

Gloger gab einen Überblick über die Entwicklung der Medienpolitik in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Eine erste Wende habe es gegeben, als der Staat direkten Einfluss auf Fernsehsender nahm, Kanäle erwarb oder schloss. Eine zweite Wende habe es nach dem Georgienkrieg 2008 gegeben, als Reaktion auf die weltweit eher russlandfeindliche Berichterstattung. Sie bestand in einer Ausweitung des Soft Power, insbesondere mit Russia Today (RT). Laut Gloger behaupte RT, es gäbe keine Objektivität. Gloger äußerte dabei auch Selbstkritik: Viele deutsche Korrespondenten hätten den Maidan mit Sympathie verfolgt und dabei Helden wie Klitschko geschaffen. Das sei ein Fehler gewesen. Außerdem hätten sich die deutschen Medien vor Ausbruch der Krise zu wenig mit der Ukraine beschäftigt.

Tultschinski sprach von einem staatlichen Einfluss auf die Medien in Deutschland. Das russische Fernsehen sei dagegen autonom, es gäbe Redaktionsfreiheit und keine Anweisungen von einer staatlichen Stelle, die extra dafür geschaffen sei. Er beklagte außerdem den überall anzutreffenden Mainstream. Die Journalisten seien „faul im Kopf“ und würden alle ein und dieselbe Kritik äußern bei angeblich freier Denkweise.

Gloger meinte, es gäbe ein unterschiedliches Verständnis der Aufgabe von Medien in Russland und Deutschland hin. Während es in Deutschland Aufgabe der Medien sei, Informationen zu liefern, damit die Menschen kompetente Entscheidungen fällen könnten, sähen in Russland die Medien ihre Aufgabe darin zu erziehen und neue Menschen zu schaffen.

Auf diese sehr unterschiedliche gegenseitige Wahrnehmung folgte eine äußerst lebendige Debatte auf dem Podium und unter den Teilnehmern mit dem Ergebnis, dass Selbstzensur, oder mit anderen Worten „opportune Berichterstattung“ ein Problem in beiden Ländern sei.

Soziale Medien und journalistische Berichterstattung/Gesellschaftlicher Wandel durch Soziale Medien

Das Thema „Soziale Medien und journalistische Berichterstattung – gesellschaftlicher Wandel durch soziale Medien“ diskutierten Jochen Spangenberg, Medienexperte und Lehrbeauftragter der TU Berlin und Anna Litvinenko vom Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaften der Staatlichen Universität St. Petersburg.

Litvinenko stellte die Studie zur Fragmentarisierung der russischen Gesellschaft vor. Demnach gebe es „Vier Russlands“: Städte über eine Millionen Bevölkerung, Städte mit rund 300.000 Einwohnern (soviet patterns), die depolitisierten Provinzen sowie die Migranten und der Kaukasus.

Ihre Erkenntnisse zur Internetnutzung in Russland: Bei 12 bis 17jährigen ist mail.ru fast doppelt so beliebt wie Pervyj Kanal. Facebook werde in Russland vor allem von Liberalen/Intellektuellen genutzt, 2011 waren es 9 Millionen; viel verbreiteter sei vkonakte.ru mit 119 Millionen Nutzern in 2012.

Jochen Spangenberg gab einen Überblick über die Anforderungen an Journalisten im Internetzeitalter und über den schwierigen Umgang mit Informationen aus den digitalen Medien wie Twitter im journalistischen Alltag.

NGO’s – Treiber gesellschaftlichen Fortschritts oder Störfaktor in Politik und Wirtschaft?

Über NGO’s als Treiber gesellschaftlichen Fortschritts oder Störfaktor in Politik und Wirtschaft diskutierten Elena Belokurova von der Europäischen Universität St. Petersburg und Svetlana Gannushkina von der Flüchtlingshilfsorganisation „Komitee Zivile Unterstützung/Bürgerbeteiligung“ in Moskau.

Gannuschkina legte dar, dass gängige Meinungen über NGOs wie „Ihr seid nicht die gewählte Macht“ oder aber „Ihr seid Motor für die Regierung, für Bewegung“ nicht für Russland zuträfen. Das System in Russland leiste Widerstand und die Bemühungen der NGO’s zeigten keinerlei Wirkung.

Die Beziehung zum Staat werde immer schwieriger: Nicht nur, weil der Staat den dritten Sektor entfernen wolle, sondern auch, weil der Staat zerfalle, so gebe es beispielsweise keine unabhängigen Richter. Ihre eigene Organisation wurde zum ausländischen Agenten aufgrund eines Antikorruptionsprojektes erklärt. Gannuschkina plädierte für die Annäherung von drittem Sektor und der Wirtschaft, denn beide hätten ähnliche Interessen, wie das Thema Migration und Lösungen beim Thema Legalisierung bei Arbeitskräften und Beschaffung von Arbeitsgenehmigungen.

Belokurowa verglich die Rolle von NGOs in Deutschland und Russland: In Deutschland übernehmen NGOs zunehmend soziale Aufgaben vom Staat, in Russland dagegen wolle der Staat NGOs zur Lösung sozialer Aufgaben heranziehen. In Russland machten NGOs viel weniger Lobbyismus als in Deutschland und seien daher wesentlich weniger präsent im öffentlichen Diskurs.

Die Finanzierung von NGO’s durch große Unternehmen erfolge laut Gannuschkina nicht aufgrund der negativen Erfahrung im Fall Chodorkowskij. Es gebe da eher anonyme Förderung bzw. Unterstützung durch Unternehmer in den Regionen, die in der Regel durch persönliche Beziehungen zustande kämen.