Demographie und Fachkräftesicherung

Dr. Sergey Zakharov, stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie an der Higher School of Economics in Moskau, zeigte die akuten demographischen Herausforderungen auf, denen sich Russland aktuell beziehungssweise in naher Zukunft stellen muss.

„Die hohe Sterblichkeit, die größtenteils auf ein schlecht ausgebautes, ineffizientes Gesundheitssystem sowie hohen Alkoholkonsum zurückzuführen ist, ist das dringendste demographische Problem in Russland“, so der Experte. Niedrige Geburtenraten werden hingegen nach Meinung Zakharovs oftmals überbewertet.

Die Frage, wie trotz demographischen Drucks in Russland und Deutschland ausreichend Fachkräfte gesichert werden können, wurde in zwei Panels diskutiert. Karl Brenke, wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, betonte, dass Qualifizierung als Weg aus dem Fachkräftemangel eine große, aber zu bewältigende Herausforderung sei. Brenke vertrat die These, dass in Deutschland noch von keinem Fachkräftemangel gesprochen werden kann. Er bestätigte zwar, dass es immer weniger jüngere und immer mehr ältere Menschen gebe, dennoch sei das Erwerbspersonenpotential in den vergangenen Jahren gestiegen. Mehr Frauen im Beruf, ein späterer Renteneintritt sowie eine Abnahme des Jugendkults hätten dazu beigetragen. Auch eine zurückhaltende Lohnentwicklung, hohe Studentenzahlen im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen sowie die Beseitigung des Lehrstellenmangels sprächen dafür, dass es derzeit in Deutschland keinen Fachkräftemangel gibt.

Irina Petrova berichtete über die Arbeit der größten Moskauer Fachhochschule im Bauwesen, dessen stellvertretende Direktorin sie ist. Das Baucollege Nr. 12 bildet seit 50 Jahren qualifizierte Fachkräfte aus und hat aktuell 2.500 Studenten. Die Fachhochschule legt Wert auf Technologie- und Erfahrungstransfer aus dem Ausland und arbeitet seit 1992 mit vielen international tätigen Unternehmen zusammen, wie zum Beispiel mit den Unternehmen Trumpf und Strabag.

Christoph Zeckra, Leiter Personal und Soziales bei der Generali Deutschland Holding AG, berichtete aus der Unternehmenspraxis zu Work-Life-Balance sowie Karrieren für die Generation 50plus. Er betonte, dass die vermeintlich weichen HR-Themen harte Fakten sind. „HR ist nicht nice to have, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Unternehmenserfolg“, so Zeckra. Der Bindung von Führungs- und Fachkräften ans Unternehmen misst er eine hohe Bedeutung bei: „Unternehmen müssen aktiv auf den Markt gehen und nicht erst auf Bewerbungen warten“, führte Zeckra aus. Für ältere Mitarbeiter sei die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege von Angehörigen zunehmend ein wichtiges Thema. „Pflege ist nicht nur Privatsache, sondern auch unternehmerische Verantwortung“, so Zeckra.

Martina Koeppl, Leiterin Personalentwicklung, Obere Führungskräfte bei der DB Station&Service AG, stellte dar, wie das Unternehmen die Work-Life-Balance der Mitarbeiter verbessert. Viele Maßnahmen, wie die Unterstützung bei der Pflege von Familienangehörigen, ein Sorgentelefon, individuelles Gesundheitscoaching für Mitarbeiter, Sabbatical für Führungskräfte, Teilzeit und Interimsmanagement seien notwendig, um Fachkräfte zu gewinnen und zu binden. Auf die Frage, was denn dieser „Luxus“ kosten würde, erwiderte Koeppl: „Der Mitarbeiter ist aus heutiger Sicht kein Kostenfaktor mehr, sondern eine Investitionsgröße.“