Westeuropa und China im Wettbewerb um die Energieressourcen Russlands

Dr. Kirsten Westphal, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Globale Fragen bei der Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin, entkräftete die Ausgangsthese, dass Westeuropa und China in harter Konkurrenz um die Energieressourcen Russlands stünden. Dabei führte Westphal zum einen die unterschiedlichen Ausgangslagen der Energiebeziehungen zwischen Westeuropa und China mit Russland an. In China sei ein immenser, jedoch nicht vollständig ausgebauter und erschlossener Absatzmarkt vorhanden. Die russische Energiestrategie ziele deshalb klar darauf ab, die asiatische Region als Wachstumsmarkt weiter auszubauen. In Europa dagegen existiere bereits eine tragfähige Infrastruktur, 80 Prozent aller Energieexporte aus Russland gingen nach Europa, wobei Deutschland dabei stark als Drehscheibe fungiere. Europa sei ein saturierter Markt, so Westphal, bei dem die wesentliche Herausforderung in der Schaffung neuer Wachstumsstrukturen läge.

Die Referentin hob zudem die Bedeutung der geographischen Lage Russlands bei den Energiebeziehungen hervor: „Geographie schafft Interdependenzen, aber auch Pragmatik und Wettbewerbsvorteile“, wobei auch deutsche Raffineriestandorte deutlich profitierten. Der an Energievorhaben reiche kaspische Raum bringe Bewegung in das Geflecht der Abhängigkeiten der Akteure auf dem Energiemarkt. Dort sei China anders als der Westen bereits stark vertreten, was tendenziell eine strukturelle Schwächung Russlands bedeute und perspektivisch zu einer Erschließung neuer Felder zum Vorteil Westeuropas führen könne.

Prognosen zur globalen Nachfrageentwicklung seien schwer zu kalkulieren, da die Energiewelt in ständigem Wandel sei. Als Beispiele führte Westphal den Ölpreisschock 2008 an, die Finanzkrise 2009 sowie den Arabischen Frühling 2011 mit den damit verbundenen Lieferunsicherheiten. „Die Nachfrageentwicklung und die damit verbundene Preisentwicklung sind somit das große Thema der Zukunft, nicht die Versorgungssicherheit an sich“, betonte die Referentin.

Die Zukunft der Energieversorgung in Europa

Enno Harks, Senior Political Advisor von BP Europa SE, und Klaus Brunsmeier, stellvertretender Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), setzten in ihrer Diskussion über die Zukunft der Energieversorgung in Europa unterschiedliche Akzente. Entgegen landläufiger Meinung gab Harks dabei folgende Prognose ab: „Die Nachfrage nach Energie wird weiter steigen, Gas wird hierbei der mit Abstand am schnellsten wachsende fossile Energieträger sein. Um 2030 werden Öl, Gas, Kohle voraussichtlich weltweit erstmals im gleichen Verhältnis verbraucht werden. Und: Die Reserven von Öl- und Gas werden bis dahin nicht ausgehen“.

Die wichtigsten Ölreserven der Zukunft lägen in den OPEC-Staaten sowie Zentralasien. Europa werde ein maßgeblicher Akteur auf dem Gasmarkt sein, die USA werden den Ölmarkt beherrschen, so Harks. Grundlegend für die Erhöhung der zukünftigen Versorgungssicherheit seien unter anderem Krisenreserven, Diversifizierung sowie politische Vereinbarungen der wichtigsten Energieakteure und ein intensiver Dialog zwischen Produzent und Verbraucher.

Brunsmeier zeichnete ein visionäres und zugleich kritisches Bild in Bezug auf die zukünftige Energieversorgung in Europa: „Wir werden deutlich weniger Energie verbrauchen, dabei die Energie effizienter und erneuerbarer einsetzen müssen“. Der BUND-Vertreter betonte den politischen Einfluss als entscheidenden Faktor bei der Debatte um die Energieversorgung: „Nicht mehr die Kostenfrage ist relevant, sondern der politische Wille ist entscheidend.“ Brunsmeier stellte ein ehrgeiziges Ziel für die zukünftige Energieversorgung in Deutschland auf: eine 100-prozentig erneuerbare Stromversorgung bis 2050. Dabei betonte er die starke Unterstützung dieses Zieles durch der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung.