Die sozialen Folgen der globalen Wirtschaftskrise in Deutschland und Russland

Wie gehen Unternehmen in der Krise mit ihrer Belegschaft um? Droht bald ein starker Anstieg der Arbeitslosenzahlen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des fünften Veranstaltungstages. Bemerkt wurde dabei, dass sowohl in Russland als auch in Deutschland die Arbeitslosenzahlen bislang nur moderat gewachsen sind. In Russland liegt dies an zwei Faktoren: Einerseits sind die Arbeitsverträge so flexibel, dass Unternehmer die Gehälter in der Krise schnell nach unten anpassen konnten. Andererseits erschwert der Staat Massenentlassungen. In Deutschland hat insbesondere das Instrument der Kurzarbeit dafür gesorgt, dass Unternehmen, die auf eine rasche Wirtschaftserholung setzen, ihren Personalbestand gehalten haben.

Der Arbeitsmarkt in der Krise

Dr. Tatiana Maleva, Direktorin des Unabhängigen Instituts für Sozialpolitik in Moskau, erklärte in ihrem Statement den Teilnehmern die Besonderheiten der russischen Arbeitsverträge. Der variable Anteil an den Löhnen liege zwischen fünf und 40 Prozent, weshalb es in der Krise bislang relativ wenig Entlassungen aber einen starken Rückgang der Löhne gegeben habe. „Man entlässt die Leute nicht, sie werden nur schlechter bezahlt.“ Der Anteil der working-poor, also der Angestellten, die weniger als das Existenzminimum verdienten, sei in der Krise gewachsen. Zudem versuche die Regierung ineffiziente Produktion aufrechtzuerhalten, um Massenentlassungen und soziale Spannungen zu vermeiden. „Der Preis dafür ist hoch: Unsere Industrieproduktivität ist äußerst niedrig. Das ist ein Hindernis für Wirtschaftswachstum“, kritisierte die Wissenschaftlerin. Auch das arbeitnehmerfreundliche neue russische Arbeitsrecht behindere eine Anpassung der Firmen an die Krise. Die Sozialkosten seien sehr hoch. Überraschend war für viele Teilnehmer der Befund Tatiana Malevas zur Entwicklung der Mittelschicht in Russland. Diese habe sich seit dem Jahr 2000 nicht wesentlich verbreitert. Derzeit zählten etwa 20 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht, 70 Prozent zur unteren Mittelschicht und zehn Prozent zu den Armen. „Sieben Jahre Wirtschaftswachstum haben nicht zu einer Umstrukturierung der Bevölkerungspyramide geführt. Natürlich gab es einen starken Anstieg der Einkommen. Aber das war ein passives Wachstum. Es gab keinen Anstieg des Bildungsniveaus, keinen sozialen Fortschritt“, so das Urteil der Wissenschaftlerin. Grund dafür seien auch fehlende Initiativen des Staates zur Entwicklung der Mittelschicht. Dieser konzentriere sich in seiner Sozialpolitik auf die ärmsten Teile der Bevölkerung. „Es ist nicht gut, nur in die unteren Schichten zu investieren. Wir brauchen zusätzlich eine Unterstützung der Arbeitsfähigen und Arbeitswilligen.“ Der hohe Zuwachs an verkauften Autos in Russland in den vergangenen Jahren dürfe nicht über den schwachen Zustand der Mittelschicht hinwegtäuschen. „Das Geld der Leute reicht gerade zur Finanzierung eines Autos. Damit haben wir noch nicht die Wohnungsfrage und die Bildungsfrage gelöst.“

Anschließend beschrieb für die Robert Bosch GmbH deren Geschäftsführer Dr. Wolfgang Malchow die sozialen Folgen der Krise. Derzeit sei zwar ein Aufwärtstrend in der Wirtschaft zu beobachten, allerdings sei die Entfernung zur Ausgangsbasis Mitte 2008 immer noch gewaltig. „Wir haben den weitaus größten Teil der Mitarbeiter aber an Bord gehalten, mit allen Konsequenzen“, erklärte Malchow. Schließlich gehe man davon aus, dass sich die Weltwirtschaft immer noch in einer langfristigen Wachstumskurve befinde. „Wir müssen darauf achten, dass wir daran partizipieren. Kurzfristige Ergebnissicherung könnte dazu führen, Marktanteile in der Zukunft zu verlieren.“ Genutzt hat die Robert Bosch GmbH insbesondere das Mittel der Kurzarbeit. Derzeit seien weltweit 90.000 von insgesamt 280.000 Mitarbeitern in verkürzten Arbeitszeiten, davon allein 65.000 in Deutschland. Malchow gab aber zu bedenken: „Auch Kurzarbeit ist immer noch teuer. Die Frage ist, wie lange können die Unternehmen das in Zukunft durchhalten.“
Fehle die langfristige Perspektive für eine Produktion, so reagiere die Bosch GmbH mit Hilfe verschiedener Instrumente. Man könne eine neue Produktion am alten Standort aufbauen, was allerdings einen Umschulungsprozess für die Mitarbeiter notwendig mache. Geprüft würde für betroffene Mitarbeiter auch ein Wechsel in ein anderes Werk im Unternehmensverbund. Zudem gebe es Vorruhestandsregelungen, Abfindungsverträge oder Transfer- und Qualifizierungsgesellschaften, in denen Mitarbeiter für ein Jahr bei 80 Prozent ihrer Bezüge weiterbeschäftigt würden.
Im Anschluss daran skizzierte Malchow noch die Aktivitäten der Bosch GmbH in Russland. Dort erreiche man mit 2200 Mitarbeitern in Engels, Moskau und St. Petersburg einen Umsatz von 750 Millionen Euro. Allerdings habe man weitere Investitionen erst einmal verschoben. „Wir erwarten, dass in Russland die Überwindung der Krise länger dauert, als in Asien. Das Problem für uns in Russland ist die schwache Zulieferindustrie, das Fehlen eines breiten Mittelstandes. In China hat sich dieser schon herausgebildet.“