Renaissance der Industrie – Beitrag des Mittelstandes

Am dritten Veranstaltungstag beschäftigten sich die Teilnehmer mit der Rolle des Mittelstandes in Russland und Deutschland. In Deutschland gilt der Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft. 99,7 Prozent aller Unternehmen werden ihm zugerechnet. Diese stellen 71 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In Russland dagegen gehören nur 19 Prozent aller Beschäftigten mittelständischen Firmen an. In den Vorträgen wurde aber deutlich, dass gerade Mittelständler flexibel auf die Wirtschaftskrise reagieren und sich dank ihrer hohen Innovationskraft schnell auf neue Anforderungen einstellen können. Alle Diskutanten waren sich darin einig, dass die deutsche Wirtschaft beim Aufbau eines breiten Mittelstandes in Russland eine wesentliche Rolle übernehmen könnte.

Bedeutung des Mittelstandes

Das Eingangsreferat zum Thema hielt Georg Graf Waldersee, Mitglied des Vorstands der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young AG. Dieser nannte als wichtigstes Kennzeichen von mittelständischen Unternehmen, dass diese oft von einer Unternehmerfamilie geprägt seien. Es gebe dadurch eine „Einheit von Eigentum, Leitung und Risiko“ sowie eine „Einheit von Leitung, Entscheidung und Kontrolle“. Die Hierarchien seien flach und Geschäftsleitung, Mitarbeiter und gesellschaftliches Umfeld oft sehr eng miteinander verbunden. Die große Bedeutung des Mittelstandes in Deutschland sei auch auf die von den Siegermächten erzwungene wirtschaftliche Entflechtung nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen, die zur Auflösung großer Konglomerate geführt und vielen Familienunternehmern den Weg geebnet habe. „In wohl keinem anderen Land gibt es so viele mittelständische Weltmarktführer“, resümierte Waldersee. Zwar seien jetzt auch Mittelständler von der Krise betroffen. Diese schnitten aber insgesamt besser ab. Waldersee sprach in diesem Zusammenhang von einer „ausgeprägten Krisenfestigkeit des Mittelstandes“. Grund sei die große Nähe zum Kunden und die enge Verbindung zur Belegschaft, was insgesamt die Anpassung an neue Marktgegebenheiten erleichtere. Mit Blick auf Russland bedauerte der Referent, dass dort der „erhoffte Quantensprung bei der Entwicklung der mittelständischen Wirtschaft“ ausgeblieben sei. Russland sei von staatlich kontrollierten Großkonzernen dominiert. Kleine Existenzgründer litten unter einem hohen Verwaltungsaufwand, Korruption, hohen Kosten für den Markteintritt, Schwierigkeiten bei der Finanzierung und einer unvollkommenen Infrastruktur. Allerdings gebe es nunmehr von Präsident Medwedew und Ministerpräsident Putin deutliche Signale, dass die Entwicklung eines breiten Mittelstandes ins Zentrum der russischen Wirtschaftspolitik rücke. „Wir brauchen in Russland Leuchttürme, Vorzeigeunternehmer für den Mittelstand,“ sagte Waldersee und sprach von einem großen ungenutzten Potenzial: „In Russland gibt es eine Vielzahl exzellenter Techniker, die dies vorantreiben können.“ Gerade in der Verbindung russischer Unternehmen mit den technisch führenden deutschen Firmen lägen große Chancen.

Ähnlich äußerte sich auch Prof. Dr. Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Mangold verwies auf ein großes Privatisierungsprogramm, das die russische Regierung in den nächsten Jahren realisieren möchte. 5500 Unternehmen sollen demnach zumindest in Teilen verkauft werden. „Wenn wir diese Privatisierung nicht mit dem Mittelstand verbinden können, wird eine Riesenchance verpasst“, sagte Mangold. Der Ost-Ausschuss werde dazu in Kürze mit Ministerpräsident Putin konferieren. „Wir suchen ganz konkret 30 Projekte, an denen sich der deutsche Mittelstand beteiligen kann.“

Passend dazu plädierte Prof. Dr. Andrej Zverev, Leiter des Handels- und Wirtschaftsbüros der Botschaft der Russischen Förderation in Deutschland, für einen stärkeren Rückzug des russischen Staates aus der Wirtschaft. „Natürlich muss der Staat die Wirtschaft unterstützen. Aber langfristig kann man mit einer solchen Strategie nicht überleben.“ Ein großes Problem sei, dass viele Familienunternehmen in Russland erst am Anfang stünden und es kein „historisches Gedächtnis“ für Unternehmertum gebe. „Wir müssen eine Revolution in den Köpfen herbeiführen.“ Bei der Entwicklung der mittelständischen Wirtschaft empfahl Zverev, die Stärken der russischen Wirtschaft im Rohstoffbereich nicht außer Acht zu lassen. „Wir müssen Prioritäten setzen. Es hat keinen Sinn, Bereiche zu finanzieren, in denen Russland bereits stark in Rückstand geraten ist.“ Der Staat müsse insbesondere in der Steuerpolitik, bei der Vereinfachung der Zollabwicklung und bei der Beseitigung von administrativen Hemmnissen noch nacharbeiten. In Bezug auf ausländische Investoren hat Zverev einen wichtigen Wandel in seinem Land beobachtet: „Man versteht jetzt: Die Leute bleiben im Lande und geben uns die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln.“

Mit innovativer Technik aus der Krise

Im zweiten Teil des Vormittags stellten sich mit Vitaly Ysufov, Eigentümer der Nordic Yards GmbH in Wismar und Rostock, und Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der Festo AG in Esslingen, zwei Unternehmer vor, die mit Innovationen ihre Firmen krisenfest machen wollen. Yusufov, ein Alumnus der 1. Deutsch-Russischen Gespräche Baden-Baden 2008, hatte im Sommer die insolventen Wadan-Werften übernommen. Zum 1. Oktober sei dort nach langer Pause wieder die Produktion aufgenommen worden. „Man muss sich jetzt auf Spezialschiffbau, auf Hightech-Schiffbau konzentrieren. Nur so kann das Überleben der Branche gesichert werden“, betonte Yusufov. Die Insolvenz sei in diesem Sinne auch eine Chance gewesen, die Strategie grundlegend zu ändern. Der junge Unternehmer sieht gute Möglichkeiten, die Vorteile deutscher und russischer Werften zu kombinieren. „Man könnte Hightech-Teile in Deutschland bauen und einfachere Teile in Russland. So könnte man Kosten optimieren.“

Dr. Eberhard Veit sieht Innovationen in der Krise insbesondere als Chance für die besten Unternehmen, sich auf einem enger werdenden Markt durchzusetzen. Gerade Deutschland mit seinen hohen Lohnkosten müsse technisch führend bleiben. „Man muss um das besser sein, um das man teurer ist.“ Festo, ein mittelständisch-geprägter Spezialist für pneumatische Anlagen für die Produktion von Fahrzeugen und die Nahrungs- und Verpackungsmittelindustrie, versuche in enger Abstimmung mit den Kunden individuelle Lösungen zu erarbeiten. Entscheidend sei es, scheinbar widersprüchliche Anforderungen optimal zu verbinden: Individualität aber Kosteneffizienz, global aufgestellt aber regional verwurzelt, kurze Lieferzeit aber geringer Lagerbestand, Planungssicherheit bei hoher Flexibilität. „Die Kunden suchen starke Marken, die auch in der Krise zuverlässig liefern und alles aus einer Hand anbieten können“, berichtete der Festo-Chef. Sein Unternehmen investiere jährlich bis zu zwölf Prozent seines Etats in Forschung und Entwicklung und sei in seiner Branche Weltmarktführer in der Aus- und Weiterbildung. So investiere man gezielt in Partnerschaften mit Hochschulen in Deutschland aber auch in Russland, wo Festo seit 21 Jahren mit einer eigenen Gesellschaft vertreten sei. In beiden Ländern würden Nachwuchsingenieure an Festo-Anlagen geschult, was die Bindung an das Unternehmen befördere. „Es ist die Verantwortung und Aufgabe auch der Industrie, Aus- und Weiterbildung zu fördern“, betonte Veit.