Thema: Personalpolitik und demographische Herausforderungen für die Wirtschaft

Deutschland und Russland sehen sich gleichermaßen mit einem schwerwiegenden Problem konfrontiert: dem demographischen Wandel. Die Bevölkerung altert und es werden zu wenige Kinder geboren. Langfristig mangelt es beiden Ländern an jungen und gut ausgebildeten Nachwuchskräften, um den Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten zu kompensieren. Unternehmen in beiden Ländern stehen vor ähnlichen Problemen: Sie sind auf gut ausgebildete Arbeitsmigranten angewiesen. Dies wirft die Frage nach einem gemeinsamen Arbeitsmarkt auf. Visa-Abkommen und die Regelungen für eine Arbeitserlaubnis müssten unter diesen Gesichtspunkten überdacht werden, lautete der Appell von Vladimir Chizhov, Ständiger Vertreter der Regierung der Russischen Föderation bei der Europäischen Kommission.

Es ist ein düsteres Bild, das Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in Berlin und Dr. Sergei Zakharov, Stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie der Höheren Schule für Wirtschaft in Moskau, in diesem Zusammenhang zeichneten: Die Bevölkerungsentwicklung ist in beiden Ländern stark rückläufig. Doch die Ursachen für den Bevölkerungsrückgang sind unterschiedlich: In Deutschland wächst der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung, weil nicht genug Kinder geboren werden. In Russland dagegen ist die demographische Krise vor allem auf die hohe Sterblichkeit vor dem Renteneintrittsalter zurück zu führen. Russland stecke in einer Mortalitätskrise, schlug Zakharov Alarm: „Das hat es in der Geschichte und auf der Welt noch nicht gegeben.“

Damit diese Tendenzen langfristig keine negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft haben, müssten in Russland wie in Deutschland Ansätze entwickelt werden, der demographischen Krise rechtzeitig zu begegnen. Reformen des Ausbildungs- und Hochschulbildungssystems sowie der Renten- und Familienpolitik wären nötig. Der Umgang mit einer alternden Bevölkerung müsste sich ändern. Das sind gemeinsame Problemfelder, in welchen Russen und Deutsche voneinander lernen könnten.

Doch die Alterung der Gesellschaft habe nicht nur Nachteile. Für die BMW AG ergäben sich daraus sogar Wachstumsimpulse, erklärte der Personalvorstand Ernst Baumann: „Wir werden von den neuen Alten geschätzt.“ Und auch in der alternden Belegschaft kann er keine wirklichen Nachteile entdecken. Im Gegenteil, es mangele auf dem Arbeitsmarkt an jungen, gut ausgebildeten Ingenieuren. Die älteren hingegen zeichneten sich durch viel Erfahrung aus. Sein Fazit: “Die Bereitschaft und Fähigkeit zu leisten, lässt sich nicht am Lebensalter festmachen.“

Vor allem müssten Lösungsansätze innerhalb des Unternehmens entwickelt werden, betonte Klingholz. Es sei nicht die Aufgabe der Politik, Familien zu Kindern zu zwingen. „Man kann sich dieser Situation nur anpassen“, sagte er. Jörg Oesterreich, Projektleiter Bosch Human Resources System bei der Robert Bosch GmbH, präsentierte als Beispiel einen umfassenden Ansatz der gezielten Mitarbeiterbindung, die Bosch weltweit betreibt. Sein Fazit: „Zu einem gutem Unternehmen gehören gute Führungskräfte, die die Verbundenheit der Mitarbeiter mit ihrem Betrieb auf- und ausbauen können.“ Aber lässt sich ein solcher Ansatz auch in Russland anwenden? In diesem aufstrebenden Markt sei der Lebensrhythmus deutlich schneller als in Deutschland. Junge Führungskräfte wechselten fast jährlich ihre Stelle. Die Mitarbeiterbindung stelle daher in Russland eine deutlich größere Herausforderung dar.

Ein weiterer Schlüsselfaktor bei der Lösung des Problems ist die Familienfreundlichkeit im Unternehmen. Hier präsentierte Klaus Nussbaumer, Senior Vice President Bereich Personal der Wintershall-Gruppe in Kassel, ein Erfolgskonzept. Anhand von Umfragen wurden die Bedürfnisse der Mitarbeiter bei Wintershall in Kassel systematisch ausgewertet. Die Ergebnisse der daraufhin eingeleiteten Fördermaßnahmen sind erstaunlich: Die Geburtenquote im Unternehmen sei deutlich gestiegen, resümierte Nussbaumer.